Gute Menschen finden immer gute Menschen! Dies habe ich in letzter Zeit immer wieder erfahren. Ich stamme aus Mazedonien. 1989 kam ich in die Schweiz und habe 20 Jahre lang auf dem Bau gearbeitet. Vor mehr als 4 Jahren hatte ich einen Bandscheiben­vorfall. Mein Arzt hat mich sofort krankgeschrieben.

 

Den ganzen Tag zu Hause zu verbringen, passte mir überhaupt nicht. Ich verliess kaum die Wohnung, denn ich wollte mich tagsüber nicht auf der Strasse zeigen. Ich schämte mich. Schliesslich ging ich nach kurzer Zeit wieder auf die Baustelle.

Und dann ist es blöd gelaufen: Ich hatte einen schweren Autounfall mit einer erneuten Rückenverletzung und einem Schleudertrauma. Auch die rechte Schulter war verletzt. Seither habe ich Nackenschmerzen, Kopfweh und auch Ohrenpfeifen (Tinnitus).

Das bedeutete das definitive Aus für meine Arbeit auf dem Bau. Wenn du auf der Baustelle etwas Schweres heben musst, kannst du nicht immer einen anderen holen, um dir helfen zu lassen.

Heute arbeite ich als Pfleger in einem Alterszentrum. Ich arbeite im Schichtbetrieb. Wenn ich Frühschicht habe, stehe ich so um halb sechs Uhr auf. Ich stelle den Radio oder Fernseher an, schaue Nachrichten, trinke Kaffee. Rasieren muss ich mich auch. In der Pflege muss man immer frisch rasiert sein und gepflegt daherkommen.

Um 6.15 bin ich an der Bushaltestelle. Da nehme ich das Postauto, dann den Zug, dann wieder ein Postauto. Das hält genau vor dem Altersheim. Arbeitsbeginn ist um 7 Uhr. Ich habe also noch rund 20 Minuten Zeit. Ich trinke einen Kaffee, ziehe meine Arbeitskleidung an, binde meine langen Haare zu einem Zopf.

Im ersten Rapport berichtet die Nachtwache über die Ereignisse während der Nacht. Dann wird die Arbeit im Team verteilt. Nun beginnt auch für unsere Bewohner und Bewohnerinnen der Tag: Aufstehen, Morgenpflege, Frühstücken. Wenn jemand länger schlafen will, wird er oder sie natürlich nicht geweckt.

Unser Alterszentrum hat 4 Wohngruppen, diese sind auf 4 Stockwerke verteilt. In einer Wohngruppe leben 15-20 Personen.

Ich betreue abwechslungsweise 2 Wohngruppen. Da muss ich mir viele Namen merken.

Dieser Wechsel alle 2 Wochen ist nicht immer einfach: Ich muss die Krankengeschichte jedes einzelnen Bewohners oder Bewohnerin kennen. Ich habe die Kompetenz erhalten, Medikamente abzugeben, die von Diplomierten gerichtet und kontrolliert wurden. Da muss ich sehr konzentriert sein.

Auch für die Bewohner ist meine Jobaufteilung nicht einfach. Da werde ich oft gefragt „Wänn chömmet Sie wieder? Eimal sind sie da, und dann wieder nid!“ Sie haben wirklich Freude an mir und ich hätte nie im Leben gedacht, jemals so beliebt zu sein!

Der Wechsel vom Bauarbeiter zum Pfleger verdanke ich Buchmann & Partner.

Damals, beim ersten Blickkontakt mit Herrn Rolf Buchmann, wusste ich sofort: „Der will mir helfen!“ Er führte ein langes Interview mit mir. Da kam alles auf den Tisch, meine Kranken­geschichte, der Autounfall, die andauernden Schmerzen und meine berufliche Orientierungs­losigkeit.

Da hatte ich im ganzen Körper ein gutes Gefühl: „Ich glaube, ich bin da in guten Händen!“. Herr Buchmann ist ein Mensch, der andere Menschen wirklich versteht. Er sagte mir: „Das Problem ist nicht, dass Sie nicht arbeiten wollen. Sie wissen einfach noch nicht, was Sie arbeiten könnten. Er hat genau mein Problem erkannt.

Dann hat mich Herr Buchmann an Herrn Carbonell überwiesen. Dieser sagte zu mir: „Da Sie ja nicht wissen, welcher Beruf für Sie in Frage kommt, machen wir zuerst ein paar Schnuppereinsätze!“

Meine erste Schnupperstelle war als Schulhaus-Abwart. Die Zweite war Pfleger in einem Altersheim. Da bin ich bis heute hängen geblieben.

Ein junger diplomierter Pfleger aus Holland, heute Gruppenleiter, begleitete mich während dieser Schnupperwoche. Er sagte zu mir: „Du schau mal Deine Hände: Die sind für die Pflege geeignet!“

Die ersten 2-3 Tage habe ich nur zugesehen, doch dann durfte ich die Pflege teilweise selber übernehmen. Ich war sehr unsicher. Aber ich habe auch ganz neue Seiten an mir entdeckt. Ich habe mich immer wieder gefragt: “Wieso machst Du so etwas?“. Weil die anderen dies nicht selber machen können!

Ausschlaggebend für meinen heutigen Beruf als Pfleger war das erste Erlebnis mit einer an Demenz erkrankten Bewohnerin. Diese demente Person kann nicht reden, aber die Freude im Gesicht, in den Augen, nachdem ich diese gepflegt hatte, drückte ein riesengrosses Dankeschön aus.

In solchen Momenten vergisst Du alles, Deine Sorgen, deine Schmerzen, den Job, das Geld. Ich sagte zu mir: „Jetzt mache ich wirklich etwas Menschliches, etwas Gutes!“

Am Tag hört man überall Leute „Danke!“ sagen. Aber es ist ein ganz spezielles Gefühl, ein Danke von einem Menschen zu erleben, der nicht Danke sagen, sondern dies nur mit seinem Gesicht ausdrücken kann.

Nach der Schnupperwoche ging ich zu Herrn Carbonell und sagte: „Das möchte ich machen!“

Nebst der neuen Stelle hat er mir einen Platz in einem Pflegekurs des Schweiz. Roten Kreuzes (SRK) organisiert. Das war nicht ganz einfach, weil diese Kurse einen grossen Andrang haben und sehr gut besucht sind. Ich musste auch eine schriftliche Prüfung in Deutsch ablegen. Der Kurs ist in zwei Module aufgeteilt. Ich war sehr motiviert und habe schliesslich das zweite Modul mit der höchsten Punktezahl bestanden.

Nach der Schnupperzeit durfte ich im gleichen Altersheim ein 6-monatiges Praktikum absolvieren. Dabei wurde ich von der Gruppenleiterin sehr gut eingeführt. Natürlich war der Anfang schwer: Ich sprach gebrochenes Deutsch, und als Mann in diesem Beruf ein Aussenseiter. Ich habe mich oft geschämt, hatte grosse Hemmungen, vor allem bei der Intimpflege. Jetzt ist das ganz normal, weil das Vertrauen da ist.

Meine Arbeitskolleginnen kennen meine Krankengeschichte. Sie sind sehr hilfsbereit und nehmen Rücksicht darauf, dass ich Rückenprobleme habe. Der Pflegeberuf ist für mich eine Art Therapie, ich vergesse meine Schmerzen. In der Zwischenzeit hat sich nicht nur mein Deutsch verbessert, sondern auch mein Selbstwertgefühl.

Als Pfleger trägt man eine grosse Verantwortung. Deshalb finden mehrmals täglich Rapporte statt. Da wird festgehalten, wie es unseren Bewohnern geht, ob jemand zum Beispiel schwächer geworden ist und mehr Hilfe benötigt.

Wir nehmen uns viel Zeit für unsere Bewohner. Ich weiss, dass dies nicht überall so ist und dass alte Leute oft schnell abgefertigt werden, was mich sehr schockiert hat.

Klar, manchmal gibt es auch bei uns Stresssituationen, zum Beispiel wenn alle Patienten gleichzeitig etwas wollen. Aber wenn Du gut organisiert bist, dann geht’s. Man muss einfach ruhig bleiben. Die Bewohner merken das ja auch, ob ich gestresst oder ruhig bin, und dies hat einen grossen Einfluss auf ihr Wohlbefinden.

An Spielnachmittagen wird meistens Eile mit Weile gespielt. Das lieben die Bewohner. Auch ich spiele gerne mit. Schach spielt leider keiner.

Um 15 Uhr gibt’s Kaffee oder Tee mit einem Guetzli. Da müssen wir schon ein bisschen aufpassen wegen dem Gewicht, oder auch wegen dem Zucker.

Nach dem Z’Vieri ist der Frühdienst beendet. Manchmal trinke ich mit meinen Arbeitskollegen noch einen Kaffee. Dann gehe ich zu Fuss bis zum Bahnhof. Kurz vor 17 Uhr bin ich wieder zu Hause.

Auch meine Frau kommt aus Mazedonien. Sie arbeitet seit über 10 Jahren als Näherin. Wir haben sehr jung geheiratet. Nun sind wir bereits Grosseltern.

 

Wir wohnen alle im gleichen Mehrfamilienhaus: Mein ältester Sohn und seine Familie wohnen im Erdgeschoss, meine Frau und ich sowie der jüngste Sohn im 1. Stock. Meistens kocht meine Schwiegertochter. Wir essen immer alle zusammen.

Wir sind Moslems. Wenn mich jemand nach der Religion fragt, dann kann ich jedoch kaum Auskunft geben. Meine Frau hat früher zwar ein Kopftuch getragen, aber seit sie in der Schweiz ist auch nicht mehr. Auch die Frauen meiner Söhne tragen keine Kopftücher. Alle Menschen von allen Religionen werden von Gott geliebt. Jeder sollte doch so leben dürfen wie er will.

 

Als mein ältester Sohn ebenfalls mit 20 heiraten wollte, war ich nicht einverstanden. Ich sagte zu ihm: „Mach nicht den gleichen Fehler wie ich!“ Damit hatte ich ihn verletzt. Er glaubte, ich hätte etwas gegen seine Braut, dabei ging es mir einfach nur ums Alter, denn ich wusste, wie schwierig es ist, so jung zu heiraten.

Im Moment bin ich am Sparen, den ich benötige viel Geld für die Hochzeit meines zweiten Sohnes. Ich habe alles organisiert. Geheiratet wird in Mazedonien im Familienkreis. Beim älteren Sohn waren wir ca. 350 Personen, diesmal werden es sicher ebenso viele sein.

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