Ari Canonica, Ihre 13 Feuerfänger machen momentan Furore. Bereits bei der ersten Ausstellung in Biel berichteten 2 TV-Sender darüber. Wie erklären Sie sich dieses enorme Echo?


Die Ausstellung « Feuerfangen» ist in ihrer Art einzigartig, etwas, was es in dieser Form noch nie gegeben hat. Die Figuren lassen den Betrachter nicht mehr los. Es entsteht eine ganz besondere Beziehung zwischen dem Betrachter und den Feuerfängern.

 

Können Sie diese Interaktion zwischen Betrachter und den Feuerfängern genauer beschreiben?


Bei den Feuerfängern handelt es sich um 13 lebensgrosse Abbilder von Menschen in unterschiedlichen Lebens- oder auch Leidenssituationen. Jede Figur drückt – vor allem durch Ihre Körpersprache – etwas ganz Bestimmtes aus: Die eine Figur will in Ruhe gelassen werden, während eine andere uns die Arme hilfesuchend entgegenstreckt. Ein Betrachter hat darüber geschrieben: „Es sind Skulpturen, welche mitten ins Herz zielen, berühren, nachdenklich stimmen und dann vor allem Lust machen, die eigenen Visionen, die wirkliche Bestimmung zu leben. Man hat das Gefühl, förmlich den Prozess hinter den Skulpturen zu spüren und die Lebendigkeit und Kraft, welche sich im Leben in Wendungen zeigen kann, ist erfahrbar“. (Dr. Nils Jent und Regula Dietsche)

Sie schreiben, dass es sich da um wirkliche Personen handelt?
Ja. Den meisten begegnete ich bei der Wiedereingliederungsfirma Buchmann & Partner AG. Andere stammen aus meinem persönlichen Umfeld.

Wieso heisst Ihre Kunstwerk Feuerfangen?
Alle Feuerfänger haben einen schweren Schicksalsschlag erlitten, sei es durch Unfall oder Krankheit. In solchen Situationen „erlöscht“ meistens das innere Feuer. Sie erleiden ein Burnout – sind ausgebrannt oder geraten in eine tiefe Depression. Nun geht es darum, das Feuer wieder zu entfachen, für die anstrengende Neuorientierung im Leben, oft in ganz kleinen Schritten.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Feuerfänger zu schaffen?
Ich wollte meiner eigenen Geschichte ein Gesicht geben, nicht in einem Buch, wie viele dies tun, sondern mit den Feuerfängern. Die Feuerfänger befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Bewältigung. Manche sind noch auf dem Weg, andere haben es bereits geschafft.

Sie haben Gips als Material gewählt. Hat dies einen bestimmten Grund?
Ja, die Gipsfiguren sind vom Material her sehr fragil und widerspiegeln die Dünnhäutigkeit der Betroffenen. Oft genügt ein geringfügiger Anlass, um solchen Menschen erneut den Boden unter den Füssen wegzuziehen.

Was bezwecken Sie mit diesen Figuren?
Ich möchte die Feuerfänger möglichst vielen Menschen zeigen. Ich hoffe, dass die Auseinandersetzung mit den Feuerfängern das Denken und Verhalten des Betrachters verändert gegenüber Personen, die an Burnout oder anderen „verborgenen“ Krankheiten leiden, wie z.B. Schleudertrauma, Hirnschädigung, Magersucht und anderen „stillen“ Leiden.

Kann man die Figuren kaufen?
Zurzeit kann man die Figuren nicht kaufen, da ich diese, wie erwähnt, möglichst vielen Menschen zugänglich machen will. Ich rechne damit, dass Firmen oder Institutionen mir die Möglichkeit geben, diese an gut frequentierten Orten auszustellen.

Beabsichtigen Sie weitere Figuren herzustellen?
Die Feuerfänger sind eine in sich abgeschlossenes Gesamtkunstwerk. Vielleicht werde ich in Zukunft neue Figuren zu einem anderen Thema schaffen.

Sie haben ja selber ein Burnout erlitten. Können Sie uns etwas darüber berichten?
Burnout ist heute quasi zu einer „Volkskrankheit“ geworden. Untersuchungen in Deutschland zeigen, dass Millionen betroffen sind. Ich bin kein Einzelfall. Mich hat es mit 42 Jahren „erwischt“, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr arbeiten. Damals leitete ich ein Geschäft mit über 10 Angestellten. In der Folge musste ich dieses Geschäft schliesslich aufgeben.

Was raten Sie Menschen, welche ausgebrannt sind oder kurz davor stehen?
Mehr Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Der Psychotherapeut Erich Fromm hat einmal gesagt: „Wenn wir auf die Signale unseres Körpers genauso aufmerksam hören würden, wie wir dies beim Autofahren tun, wo das kleinste ungewöhnliche Geräusch, z.B. ein leises Klappern, uns aufschreckt, dann könnten viele psychische Leiden rechtzeitig verhindert werden.“

Mehr Achtsamkeit würde dazu führen, dass man rechtzeitig Massnahmen ergreift, um nicht von diesem schnell fahrenden Zug zu fallen, in dem unsere leistungsorientierte Gesellschaft sitzt. Wenn man von diesem Zug gefallen ist, kann man nicht ohne Weiteres wieder aufspringen, der fährt ja viel zu schnell. Die einzige Möglichkeit: Ganz langsam und sachte wieder an Fahrt gewinnen und sich nicht schämen, Hilfe von aussen anzunehmen.

Wo kann man die Figuren sehen? / Wo werden die Feuerfänger nächstens ausgestellt?
Den Ausstellungskalender finden Sie auf der Feuerfangen-Website: www.feuerfangen.ch

Einen besonderen Dank möchte ich auch meiner Partnerin Regina aussprechen, welche mich während dieser Zeit zur Seite stand und mich in allen Belangen unterstützt hat. Ohne sie hätte ich kaum die Energie und Ausdauer aufgebracht, diese enorme Anstrengung – immerhin habe ich gut ein halbes Jahr an diesen Figuren gearbeitet – auf mich zu nehmen.

bildeintag bildinterviews bildgames bildschmunzeln bildhora bildfeuerfangen bildversicherungen ganze_menschen_stuessi
preload image preload image