Ich bin in der Nacht die Treppe heruntergefallen und habe mir das Genick gebrochen. Ich war auf der linken Seite gelähmt und dachte, es wäre ein Schlaganfall. Dann merkte ich, dass es etwas anderes sein musste, denn im Kopf war ich ja ganz klar. Am nächsten Tag kehrte das Gefühl in meinem Bein zurück, aber mein Arm war wegen einer Quetschung des Rückenmarks gelähmt. Nach einer schwierigen Operation an zwei Halswirbeln kam ich schliesslich ins Paraplegiker Zentrum in Nottwil.

 

In Nottwil habe ich viele Schicksale miterlebt. Mein Zimmerkollege zum Beispiel ist seit 42 Jahren an den Rollstuhl gebunden, er fiel mit 16 Jahren von der Reckstange. Ihm habe ich viel zu verdanken, vor allem schenkte er mir die Hoffnung, dass das Leben auch mit einer Behinderung lebenswert sein kann. Ich war zum Glück nicht im Rollstuhl, aber dennoch stark behindert. So konnte ich nicht mal eine Flasche alleine öffnen oder ein Glas in die Hand nehmen. Auch das Atmen bereitete mir grosse Mühe. Psychisch war ich sehr angeschlagen, denn ich sah keine Besserung meines Zustandes. Doch weil es ganz kleine Fortschritte gab, blieb ich 3 Monate in Nottwil und absolvierte unzählige Übungen und Therapien bis das Gefühl und die Beweglichkeit im Arm langsam zurück war.

Ich bin Textilkaufmann mit eidgenössischem Abschluss. Früher, als ich während 30 Jahren im Modeversandhandel tätig war, freuten sich die Angestellten, wenn das Wetter nass und kalt war. Da blieb unsere Kundschaft nämlich zu Hause, schaute sich in der warmen Stube unseren Modekatalog an und bestellte auf Vorrat. Die Firma ging trotzdem Pleite, das Management hatte es verpasst, sich den neuen Kaufgewohnheiten übers Internet anzupassen.

Heute arbeite ich im Detailhandel, bei Charles Vögele AG, einem Modeunternehmen mit über 800 Geschäften im In- und Ausland. Da ist das Kaufverhalten unserer Kundschaft gerade umgekehrt: Diesen Frühling hatten wir Pech mit dem Wetter. Die Leute kaufen sich nur bei schönem Wetter Sommerkleider, bei schlechter Witterung hat niemand Lust dazu. Auch einen Regenschirm kaufen sie schliesslich erst, wenn es regnet.

In meinem früheren Job hatte ich als Einkäufer eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ich reiste viel, vor allem nach Italien und Holland. Als der ganzen Belegschaft gekündigt wurde, erfuhr ich per Zufall, dass ein Nachfolger für einen Denner-Satelliten gesucht wurde. Ich bewarb mich zusammen mit meiner Frau und wir bekamen den Zuschlag. Als Franchise-Unternehmen gehören die Satelliten in der Regel dem jeweiligen Geschäftsführer. So investierten wir viel Geld in die Einrichtung und führten den Laden an einem neuen Standort und mit grösserer Verkaufsfläche weiter. Das sollte eigentlich langfristig so bleiben, das war unser Ziel. Doch dann kam eben der Sturz auf der Treppe.

Als ich von Nottwil nach Hause kam unternahm ich alles Mögliche, damit es mir einigermassen wieder gut ging: Zweimal pro Woche Physiotherapie, chinesische Akupunktur, Schröpfen, und vieles mehr. Schliesslich ging ich auch wieder im Denner Regale mit Mineralwasser auffüllen, um die Muskulatur zu stärken, obwohl ich den Arm nicht über Schulterhöhe anheben konnte. Doch auf die Dauer war diese Arbeit zu mühsam.

Heute führt meine Frau den Laden allein. Auch sind wir in der Zwischenzeit ein getrenntes Paar.

Ich musste eine neue Stelle finden, die ich mit meiner Behinderung ausführen konnte. Meine Stellensuchbemühungen waren alle erfolglos und ich hatte die Hoffnung auf eine Stelle schon fast aufgegeben als meine Versicherung, die Suva, mich mit der Buchmann & Partner in Kontakt gebracht hat. Schon nach kurzer Zeit wurde ich dank Ramon Carbonell bei meinem heutigen Arbeitgeber zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich bekam die Stelle. Jetzt arbeite ich bereits seit 4 Monaten da und bin sehr dankbar, dass Herr Romer und das Team mir die Chance gegeben hat wieder am Gesellschaftsleben teilnehmen zu dürfen.

Von der SUVA aus müsste ich eigentlich nur 80% arbeiten, aber das stand nie zur Diskussion und die SUVA hat auch nichts dagegen, wenn ich 100% arbeite.

Ich musste mein Leben grundlegend verändern und wieder ganz neu anfangen: 4 Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal auf dem Büro gearbeitet habe. Und so waren die ersten 2 Monate extrem schwierig. Ich habe mich oft gefragt, wieso ich dies überhaupt auf mich nehme. Aber ich bereue meine Entscheidung nicht, ich kann ja nicht einfach zu Hause rumsitzen und nichts tun.

Ich arbeite als Assistent im Merchandise Management und nicht mehr als Kadermitglied. Ich bestelle unter anderem Mädchenmode, damit die jeweiligen Läden die entsprechende Ware zur rechten Zeit erhalten – also eine Logistiktätigkeit Vielleicht, wenn ich 20 Jahre jünger wäre und nicht bereits 59, wäre ich glücklicher im Einkauf vor Ort, aber so ist das anders. Ich muss nicht ständig an Sitzungen teilnehmen und kann pünktlich Feierabend machen, was letztlich einen Einfluss auf die Lebensqualität hat.

Zu den Veränderungen in meinem Leben gehört auch mein kleines 1-Zimmer-Studio, wo ich während der Woche wohne. Täglich vom Entlebuch nach Pfäffikon zu fahren wäre einfach zu anstrengend.

Was mir fast am meisten zu schaffen macht ist die Tatsache, dass ich auf jede sportliche Aktivität vollends verzichten muss. Früher spielte ich leidenschaftlich gern Tennis, joggte und fuhr Ski.Heute ist jede Tätigkeit, die meiner Wirbelsäule einen Schlag versetzen könnte, absolut tabu, denn meine Halswirbel werden von 2 Stäben fixiert und die dürfen keinesfalls brechen. Das wäre fatal.

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