Heute bewache ich das wohl bekannteste Zunfthaus in Zürich: das Zunfthaus zur Zimmerleuten, das vor wenigen Tagen abgebrannt ist. Ich arbeite bei der Securitas. Um 5 Uhr stehe ich auf. Ich dusche heiss, ganz heiss – das hilft gegen die Unterkühlung des Körpers. Ich trinke meinen Tee, und ziehe mich warm an. Warm anziehen heisst für mich: Tausend Sachen überziehen: Thermo-Unterwäsche, Pullover, nochmals Pullover… Uniform.



Ich fahre mit dem Bus zur Arbeit. Ich verstecke meine Uniform unter einer Jacke, damit niemand sieht, dass ich von der Securitas bin. Nur so darf ich an der Bushaltestelle noch schnell eine Zigarette rauchen oder im Bus ungestört, mit MP3-Player und Kopfhörer ausgerüstet, Musik hören.

Ich fahre direkt zu meinem Dienstort – heute zum Limmatquai. Um Viertel vor sieben löse ich meinen Kollegen von der Nachtschicht ab. Punkt Sieben beginne ich meinen Dienst.

Während meinem Dienst muss ich den ganzen Tag ruhig dastehen. Ich darf weder essen noch trinken. Nicht mal ein Kaugummi ist erlaubt. Ab und zu gehe ich dann schon ein paar Schritte hin und her, sonst ist die Kälte fast nicht auszuhalten.

Um 11 Uhr mache ich eine halbe Stunde Pause. Ab an die Wärme! Zigarette rauchen, etwas kleines essen. Um 15 Uhr werde ich abgelöst. Ich versorge mein Beret in der Sporttasche und ziehe wieder meine Tarnjacke an. Manchmal arbeite ich an einem Tag auch einen 11 oder 12 Stünder. Das ist dann schon heavy.

Bei der Securitas arbeite ich seit dem Zürifäscht. Am Anfang habe ich viel auch nachts gearbeitet. Das hat mir aber überhaupt nicht gepasst, immer so allein mit dem Velo unterwegs. Da muss man schon ein Einzelgänger sein, um diesen Job aushalten zu können. Man verliert ganz schnell alle sozialen Kontakte. Und die Beziehung leidet enorm. Jetzt arbeite ich am Tag. 80-120%. Ich werde im Stundenlohn bezahlt.

Ich mache diesen Job, weil ich Geld brauche. Ich arbeite gerne als Securitas, aber eigentlich warte ich darauf, eine Ausbildung als Sozialpädagogin starten zu können. Ich habe mich an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik in Luzern beworben. Da bekomme ich aber frühestens 2009 einen Platz.

Ich war zwanzig, also vor etwa 4 Jahren, als der Albtraum begann. Seitdem verbrachte ich viele Tage im Spitalbett, zuhause liegend oder in der Reha-Klinik.


Das kam so: Ich hatte mir bei einem kurzen Spurt – an einer Tankstelle, auf dem Weg von der Toilette zum Auto – die Hüfte ausgerenkt. Wie es dazu kommen konnte ist bis heute ein Rätsel. Beim wieder Einrenken der Hüft ist es dann wohl passiert: Mein Becken brach auseinander. Ich hatte einen sechsfachen Beckenbruch. Und unbeschreibliche Schmerzen!


In Schiers im Bündnerland, wo der Unfall passiert war, war ich 3 Tage in einem kleinen Spital. Dann wurde ich mit einem Krankenwagen nach Zürich ins Balgrist transportiert. Die Fahrt war eine Tortur. Ich spürte jeden kleinen Stein auf der Strasse… es war furchtbar.


Dann wurde ich operiert und wieder operiert!

Schrauben rein – Schrauben raus – Platten rein – Notoperation – Intensivstation, usw. Da ich über so lange Zeit starke Schmerzen gehabt habe, wurde ich von den Schmerzmitteln zudem morphiumabhängig. Das war das Schlimmste von allem, die körperliche Abhängigkeit und der darauffolgende Entzug.


Dann habe ich mir – entgegen den Ratschlägen der Aerzte - ich ein künstliches Hüftgelenk einbauen lassen. Erst dann - nach vielen Jahren des Leidens - war endlich wieder Lebensqualität eingekehrt. Seitdem fühle ich mich wieder wohl in meinem Körper. Ich halte mich fit und treibe Sport.

 

Schon kurze Zeit nach meinem Unfall wurde ich von meinem Arbeitgeber, wo ich als Koch gearbeitet hatte, gekündigt. Es war auch mir klar, dass ich nicht mehr auf meinem gelernten Beruf arbeiten konnte. Die körperliche Belastung war zu gross.


Dank meiner Betreuerin von der SUVA Versicherung kam ich mit Buchmann & Partner in Kontakt. Dort machte ich diverse Eignungstests und berufliche Abklärungen. Aber nicht nur das: Als klar war, was ich werden wollte, nämlich Sozialpädagogin, half mir Buchmann & Partner die richtigen Unterlagen zusammenzustellen, meinen Lebenslauf zu schreiben, und Bewerbungen rauszuschicken.


Ich bekam zwar viele Absagen, aber schliesslich fand Ramon Carbonell für mich eine Stelle als Praktikantin in einem Heim für schwererziehbare Kinder und Jugendliche. Diese Stelle hat mir sehr gefallen: Ich übernahm so quasi die Mami-Rolle, war viel mit den Kindern allein, trug viel Verantwortung. Einziger Nachteil: Man verdient wenig im sozialen Bereich. Deswegen, und weil ich keine weitere Praktikumsstelle gefunden habe, arbeite ich jetzt bei der Securitas und warte, bis ich an die Schule kann. Die Schule dauert 3 Jahre. Die IV bezahlt das Schulgeld und ein Taggeld während der Ausbildung.


Abends, wenn ich nach Hause komme, werde ich allererst von meinem Büsi begrüsst. Ich lebe mit meiner Freundin in einer schönen

4 ½ Zimmer Wohnung mit Cheminée. Auch sie arbeitet als Sozialpädagogin. Wir haben die Hausarbeiten aufgeteilt: Sie kocht und ich putze.

Auch heute werden wir zusammen essen und ein Gläsli Wein trinken. Dann werde ich – wie so oft – vermutlich auf dem Sofa einschlafen.

 

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