Ich bin Tramführer. Mein Tram fährt heute um zwanzig vor sechs, 5:39, um genau zu sein. Deshalb stehe ich bereits fünf vor halb vier auf. Klassische Musik begleitet mich beim Aufstehen. Duschen kann ich nicht um diese Zeit, das ist zu früh. Meine Katze macht lustigerweise meinen Rhythmus mit. Auch sie will ihren „Food“. Wir frühstücken gemeinsam ausgiebig.

 

Heute muss ich in der Zentralwerkstätte in Altstetten ausfahren.

Zwanzig nach fünf schwinge ich mich aufs Velo. Dort angekommen stelle ich als erstes mein Velo hinten ins Tram - wie immer.


Meine Dienstablösung ist genau in 5 Std. und 5 Min. in der Kalkbreite. Deshalb, in der Kalkbreite ankommen, halte ich kurz an, steige aus meinem „Hüüsli“, steige mit meinem Velo aus und stelle es abgeschlossen hinter einen Busch. Zurück in die Führerkabine und… fort! Das ganze dauert genau 20 Sekunden.

Die wenigen Fahrgäste schauen mich dann schon ein bisschen komisch an. Da ich meinen Dienst wie gesagt in der Kalkbreite beende, spare ich enorm Zeit für den Heimweg, denn mein Velo steht ja dann schon da. In Albisrieden habe ich 6 ½ Minuten Pause, ich hole mir schnell etwas vom Beck, lasse mir einen Kaffee raus und fahre gleich wieder los.

Langsam merke ich die Veränderungen des Tages: Am Anfang bist du alleine mit ein paar wenigen Fahrgästen unterwegs. Ich sage dann meistens nicht so viel, ich weiss, wie das ist: Wer schon so früh unterwegs, will seine Ruhe. Bis sieben Uhr ist es ruhig. Dann plötzlich macht’s „schwupps“ und das Tram ist voll.

Wir werden von der VBZ angehalten, am Anfang und am Schluss einer Fahrt die Fahrgäste zu begrüssen und zu verabschieden. Das macht für mich wenig Sinn, wenn ich am Anfang oder am Schluss für ein, zwei Personen eine Durchsage mache. Deswegen sammle ich zuerst Leute ein, und so ungefähr ab Hubertus mache ich meine Durchsage, zuerst auf Schweizerdeutsch: „Liäbi Fahrgäscht, I begrüesse Sie uf der Linie 3… wünschä ä guete Tag und ä schöni Fahrt!“ Dann auf Hochdeutsch: „Nächster Halt: Krematorium Sihlfeld!“. Die Stationen sind in Schriftdeutsch anzusagen, so steht es im Reglement.

Am Hottingerplatz steigt der Herr Bundesrat Moritz Leuenberger ein! Das ist natürlich ein Highlight! Am Hauptbahnhof steigt Leuenberger wieder aus, vermutlich nimmt er den Zug nach Bern ins Bundeshaus. Es gibt da verschiedenste Fahrgäste, Prominente aber auch Obdachlose: Spezielle Leute, die kennt man dann mit der Zeit. Viele davon sind nicht „guet z’wäg“ oder am Morgen schon mit dem Bier unterwegs. Da ist zum Beispiel das „Sackmannli“. Er trägt einen langen weissen Bart und hat immer dutzende Plastiksäcke bei sich. Streunt die ganze Zeit in der Stadt herum.

Ich bin mit dem Tram fast immer pünktlich. Das hängt mit meinem Perfektionismus zusammen. Wenn ich eine Minute Verspätung habe, werde ich kribbelig. Daran arbeite ich noch.

Eine Verspätung holt man nicht auf, indem man „bolzt“, also schneller fährt. Ich habe meine eigenen Tricks. Ich sage dem „Geschicktes Haltestellen-Management“. Und das geht so: Ich fahre in eine Haltestelle rein und mache auf Knopfdruck alle Türen auf! Die Leute müssen also nicht zuerst auf den Knopf drücken, sondern die Türen sind schon offen. Dadurch spare ich bestimmt 10 Sekunden ein. Dann gibt es diejenigen, welche anderen den Knopf halten, da kann ich nichts machen. Der Fahrplan gerät dadurch vor allem in den Rush Hours aus den Fugen, was immer und immer wieder ganze Tramzüge blockiert. Das gibt dann diese Reihe blauer Dominosteine - eine blaue Wand von Trams… und es geht nicht mehr weiter.

 

Um 10:44 endet meine Schicht. Ich bin vier Mal zum Klusplatz und vier Mal nach Albisrieden gefahren.
Ich mache dann wieder meine Ansage: „Geschätzte Fahrgäste, beim nächsten Halt gibt es einen Fahrerwechsel. Ich verabschiede mich von Ihnen und wünsche Ihnen einen schönen Tag!“ Meine Ansagen kommen unheimlich gut an. Ich habe da schon Schokolade geschenkt bekommen, Prosecco-Piccolo, Schoggi-Osterhasen. Es gibt viele, auch junge Leute, die beim Aussteigen „Adieu“ oder „Merci“ sagen. Andererseits, wenn ich jemandem extra die Tür nochmals aufmache und dieser sich nicht bedankt, dann rufe ich selber ganz laut „Merci“!

Ich kann aber nicht immer die Türe nochmals aufmachen, vor allem dann nicht, wenn mit dem Türen schliessen dem Lichtsignal bereits den Befehl zum Weiterfahren gegeben wurde.

Es gibt Leute, die sich die Knöchel wund klopfen, damit ich Ihnen die Türe aufmache. Ich schaue sie dann einfach nicht an, um sie nicht noch mehr zu provozieren. Mit solchen zum Teil schwierigen Situationen, z.B. heftigen Beleidigungen, muss man irgendwie selber fertig werden. Eine psychologische Schulung erhält man während der Ausbildung zum Tramführer nicht.

Es gibt zwar die Möglichkeit, in schwierigen oder brenzligen Situationen einen Notruf abzusetzen, um mit der Leitstelle zu kommunizieren. Es gibt auch den sogenannten „stillen Alarm“. Auf der Leitstelle hören dann alle mit und können sofort reagieren wenn es kritisch werden sollte.

Ich wurde auf vier verschiedenen Tramtypen ausgebildet. Das Fahrverhalten dieser Trams ist völlig unterschiedlich. Das neue Cobra Tram kann ich zum Beispiel an einer Haltestelle fast millimetergenau anhalten. Das alte Mirage hingegen ist ein unheimlich schweres Tram, es wiegt 30 Tonnen! Bis das nur in Gang kommt oder abbremst! Die Bremsen des Mirage werden zum Teil noch mit Druckluft betrieben, da muss man schon ein bisschen ein „Gspüri“ haben.

In der Kalkbreite wartet bereits meine Ablösung. Ich schwinge mich aufs Velo, fahre nach Hause, ziehe meine Uniform aus, esse etwas, höre Musik, lese die Zeitung, geniesse die wenigen Stunden Ruhe auf dem Balkon. Dann ziehe ich mich wieder um, steige aufs Velo… fahre in die Kalkbreite und fahre mit meinem Tram pünktlich wieder los.

Wo gearbeitet wird, passieren auch Fehler. Vor einigen Monaten, als der Bürkliplatz umgebaut wurde, mussten die Trams wegen der Baustelle anders fahren. Dreimal mache ich es richtig, beim vierten Mal werde ich durch einen Fahrgast abgelenkt und fahre falsch! Ich drücke den Notruf: „Hallo, ich muss rückwärts fahren!“ „Ja, machen Sie das!“ meldet sich die Leitstelle über den Lautsprecher. Ich renne nach hinten. Da stehen schon zwei Autos im Weg! Ich muss diese zuerst wegwinken, dann steige ich hinten ins Tram, fahre retour, ziemlich weit, damit ich die Weiche elektrisch richtig stellen kann, renne wieder nach vorne… stelle die Weiche…. fahre los…. bemerke, dass ich beim ganzen Manöver hinten den Blinker gesetzt habe und dieser immer noch blinkt! Ich muss bei der nächsten Haltestelle nach hinten rennen …. stelle den Blinker zurück…. Renne wieder nach vorne…. kann endlich weiterfahren!

Am Tessinerplatz, der ist übrigens extrem kompliziert, hat so viele Schlaufen, da komme ich also gefahren…. bin zwar gut vorbereitet…. aber ich vergesse die Weiche zu stellen! Diesmal zum Glück stehe ich noch davor. Ich steige mit dem Weicheneisen aus… stelle die Weiche von Hand um… steige wieder ins Tram und sage zu meinen Fahrgästen: „Ich glaube, da ist ein bisschen der Wurm drin!“
Von der Leitstelle wurde ich nach diesen Zwischenfällen dann aufgefordert, die Fahrtenschreiberscheibe – die Blackbox sozusagen – auszubauen. Es gab schliesslich auch einen 3-seitigen Rapport!

Um 16:57 ist Schluss mit der zweiten Schicht. Ich melde mich bei der Leitstelle ab und begrüsse meinen Nachfolger. Wir wechseln ein paar Worte, machen einen kurzen Rapport. Dies sind eigentlich die einzigen Momente, wo man mit Kollegen ins Gespräch kommt.
Feierabend! Kein studieren mehr, was man noch erledigen müsste. Das ist das coole an diesem Job!

Während der 2-monatigen Ausbildung bin ich alle Geleise abgefahren und habe alle möglichen Situationen durchgespielt. Dann kam die Lehrmeisterzeit, da war ich 20 Diensttage mit einem Lehrmeister unterwegs. Dann die Fahrprüfung mit einer Expertin.

 

Zu Hause angekommen dusche ich, ich bin mit einer Kollegin zum Abendessen verabredet. Um halb neun ist schon wieder Schluss, denn auch morgen muss ich wieder früh raus!Der Beruf als Tramführer bereitet mir grosse Freude. Seit meiner Kindheit hat mich alles auf Schienen sehr fasziniert. Ursprünglich wollte ich Pilot bei der Swissair werden. Schlussendlich habe ich aber als Dr. phil. Nat. an der Uni Bern promoviert. Als Biologe habe ich aber nicht lange gearbeitet, es zog mich ins Marketing und in die Kommunikationsbranche.

Bei meinem letzten Arbeitgeber, einer grossen Bank, war ich Projektleiter. Ich erstellte Kommunikationskonzepte, Broschüren, Flyers, etc. Doch die Zusammenarbeit stimmte nicht, ich wurde gemobbt. Schliesslich ging ich jeden Tag mit Angst zur Arbeit, bis es einfach nicht mehr ging.

Buchmann & Partner AG hat mir geholfen, wieder eine Tagestruktur in mein Leben zu bringen. Ich ging da jeden Tag vormittags hin und bewarb mich um unzählige Stellen. Dabei wurde ich vom Buchmann Team tatkräftig unterstützt. Ich suchte wieder einen Job im Bereich Marketing und Kommunikation, doch all meine Anstrengungen verliefen erfolglos. Schliesslich kam die Idee, mich als Tramführer zu bewerben. Im zweiten Anlauf klappte es. Dabei musste ich eine Lohneinbusse von ca. 25-30 % hinnehmen. Da muss man sich anpassen.

 

Ich arbeite sehr gerne bei der VBZ! Wir sind alle per Du. Auch wenn ich mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause fahre, werde ich immer von Arbeitskollegen gegrüsst: Hier ein Busfahrer, dort ein Tramführer. Man grüsst immer und das ist schön!
Heute entscheide ich selber. Ich trage Verantwortung und habe keinen Chef oder Chefin, die mir während der Arbeit dreinreden. Und vor allem: Jeder Tag ist anders!

 

 

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