Früher bin ich internationale Bob-Rennen gefahren − heute repariere ich Haushaltsgeräte. Dieser neue Job ist super.Kurz nach sechs fahre ich von zu Hause los. Eigentlich müsste ich erst um sieben Uhr beginnen, da käme ich aber nie durch mit meinen Terminen.

Seit meinem vor 2 Jahren überstandenen Burnout habe ich den Stress aus meinem Leben verbannt . Ich fahre morgens ruhig mal los, und wenn ich abends alles erledigt habe, dann ist es gut, und sonst ist es auch gut.

 

Pro Tag bin ich 3-5 Stunden mit dem Firmenwagen in der halben Schweiz unterwegs. Ich habe noch nie eine Geschwindigkeitsbusse erhalten. Da kommt es schon mal vor, dass Einer hinter mir hupt. Dann denke ich: „He, he…. ich bin am Arbeiten! Nicht auf der Flucht!“ Ich bin zwar vielleicht nicht der Schnellste im Strassenverkehr, aber bei den Reparaturen, da geht es dann schon zügig voran. Wenn man solche Strecken zurücklegt wie ich, da bleiben für das Auseinanderbauen und wieder Zusammensetzen einer Maschine knapp 20 Minuten. Das empfinde ich nicht als negativen Stress!

Ich bin nun mal Handwerker! Als ich geboren wurde, hat man mir bestimmt einen Schraubenzieher in die Hand gedrückt und gesagt: „Du bist Mech!“ Kürzlich stand ich vor einer 3-jährigen, kaputten Waschmaschine. Da habe ich zur Besitzerin gesagt: „Schmeissen Sie diese weg, kaufen sie sich eine Neue!“ „Ja, warum?“ „Die erhalten Sie neu für 600 Franken. Wenn ich Ihre Maschine auseinander nehme und eine neue Heizung reinmache, dann kostet die Reparatur 550.“ Darauf kaufte sie eine neue.

Bob fahre ich, seit ich 23 Jahre alt bin. Angefangen habe ich als Bremser, das ist der, der hinter dem Pilot sitzt und den Schlitten anschiebt. Dann hatte ich das Gefühl, es besser zu können. So wurde ich Pilot und gewann später so manches Rennen, sogar auch im Europa-Cup.

Mein Problem war, dass ich nie wirklich Sponsoren fand. Ich erledigte alles selber, und zwar wirklich alles: Trainingsaufbau, Team organisieren, den Schlitten besorgen. So ein Standardschlitten kostet rund 30 Tausend Franken. Dann hast Du aber erst den Schlitten und noch kein Transportfahrzeug, keinen Anhänger und kein Team beisammen.

Ich glaubte damals, Sponsoren zu gewinnen, sobald ich die richtige Leistung erbringen würde. Das hat aber nicht funktioniert. Auch fehlte mir die nötige Zeit, denn im Sommer habe ich immer 100% gearbeitet, unter anderem habe ich Armierungseisen im Akkord verlegt.
Mein erster Club, der Zürcher Bob Club, hatte mir einen Schlitten ausgeliehen. Damit konntest Du nur Bananen gewinnen. Am Anfang war das auch nicht so tragisch. Als ich einmal einen besseren Schlitten auslehnte, sah ich, dass ich gar nicht so schlecht war, verglichen mit den Besten. So begann ich intensiv zu trainieren, kaufte mir einen eigenen Schlitten und baute diesen um: Kufen, Blätter und Achsen habe ich alles selber gemacht.

Später habe ich über den Club einen sehr guten Schlitten bekommen, auch diesen habe ich dann „zwäg“ gemacht. Ich bin die ersten bedeutenden Rennen gefahren und habe den Europacup gewonnen! Doch finanziell klappte es nicht: Obwohl ich zu den Weltbesten gehörte, fehlte mir das Geld. Beim Skifahren gibt es Sponsoren, die Millionen investieren, beim Bobfahren eben nicht. Auch fehlte mir das richtige Beziehungsnetz.

Schliesslich nahm ich sogar einen hohen Kredit auf. Das ging dann alles völlig in die Hosen. Innert kürzester Zeit stand ich vor dem Nichts. Als ich nach der Saison nach Hause kam, stand ich stattdessen so gut wie auf der Strasse.

Das war eine sehr schwierige Zeit für mich und meine Frau. In der ersten Wohnung hatten wir nur eine Matratze und kaum andere Möbel. Dann wurde sie schwanger. „Du bist schwanger… ja toll!“ Aber das kam dann relativ schnell in Ordnung, weil wir damals beide arbeiteten. Schliesslich hatten auch wir ein wohnliches Daheim.

Ich hatte damals einen festen Job als Liftbauer. Dort habe ich mich voll eingesetzt und weit mehr als 100% gearbeitet. Es war vielleicht ein Fehler, dass ich mich im Job genauso engagierte wie im Sport. Du wirst da gnadenlos ausgenutzt. Du arbeitest 50, 60, 70 Stunden die Woche und das über Monate, ja Jahre, hinweg und irgendwann sagte ich zu meinem Chef: „Du Chef, langsam aber sicher mag ich nicht mehr….“ Passiert ist dann trotzdem nichts. Er war sich einfach gewohnt, dass ich so viel gearbeitet und nie gemotzt habe.
Dann kam unser zweites Kind zur Welt. Für mich war es schwierig, Arbeit, Familie und Sport auf einen Nenner zu bringen. Meine Frau meinte: „Du kannst mir jetzt dann in die Schuhe blasen!“

Ja und dann war ich irgendwann so weit, dass ich zusammenbrach, einfach nicht mehr konnte. Da ging überhaupt nichts mehr. Das kam schlagartig, von einem Tag auf den anderen. Meine Frau riet mir: „Jetzt musst Du aber etwas unternehmen!“ Daraufhin ging ich zum ersten Mal zum Psychiater.

Es ging wirklich nichts mehr. Ich lümmelte den ganzen Tag auf dem Sofa herum, wochenlang, monatelang.
Ein Jahr lang ging ich nicht mehr aus dem Haus, ausser in die Therapie. Da bin ich einmal bei Rot über die Kreuzung gefahren. Das merkte ich erst am Hupkonzert hinter mir. „Das überlebst Du nicht!“ sagte ich mir und ich liess mich seitdem von meinem Vater in die Therapie fahren.

Nach einem Jahr im Krankheitszustand legte mir das Geschäft nahe, ich solle kündigen. Meine Versicherung bot mir ein Case Management bei Buchmann & Partner an. Da ging ich dann 1-2 Mal die Woche hin. Und langsam ging es mir dann tatsächlich auch wirklich besser.
Während Monaten bekam ich starke Medikamente, Psychopharmaka, ohne jegliche Wirkung! Mein Arzt war verzweifelt, komplett ratlos. Bis man im Labor mein Blut analysierte und feststellte, dass ich eine 4-fache Dosis benötige, damit der Medikamentenspiegel stimmt. Schuld daran ist mein Stoffwechsel. Auch Schmerzmittel wirken bei mir überhaupt nicht, es sei denn, ich nehme eine Hammerdosis. Bei Kopfschmerzen zum Beispiel muss ich eine 3000 mg Ponstan nehmen. Andere Menschen würden bei dieser Dosis schon lange flach liegen.
Doch dann wurde auch das Schlafen zum Problem. Ich konnte über längere Zeit hinweg nicht mehr schlafen. Ich fing an zu fantasieren, stand regelrecht neben den Schuhen, als ob ich einen LSD Trip genommen hätte.

Erst eine geregelte Tagesstruktur bei Buchmann und Partner half mir, meinen Rhythmus wieder in den Griff zu bekommen. Ich schaute mich erstmals wieder nach einer neuen Stelle um. Nach einiger Zeit klappte das dann wirklich, welch ein glücklicher Tag, der erste Arbeitstag!

Mittlerweile haben wir 3 Kinder. Ich verdiene rund 6000 Franken brutto. Wir wohnen günstig, gönnen uns nur das Nötigste, machen keine Luftsprünge und dennoch: Ende Monat ist unsere Konto leider immer auf Null.

Ich bin heute zufriedener als früher. Mein Leben ist, so wie es ist, in Ordnung.

Heute treibe ich auch wieder Ausdauersport. Im Sport gebe ich Gas, ich renne viermal pro Woche zehn Kilometer und einmal zwanzig Kilometer. Im Frühling will ich an den Greifensee-Marathon. Mit 90 Kilos bin ich noch zu schwer, deswegen will ich abnehmen. Mein Ziel ist es, den Halbmarathon unter 80 Minuten zu schaffen.

Wenn ich an meine Zeit als Bob-Pilot zurückdenke, überwiegt das Positive. Was war das für eine schöne Zeit! Ich realisiere, dass ich damals Fehler gemacht habe: In dieser Sportart ist es nicht das Wichtigste, dass Du Höchstleistungen erbringst, sondern „Connections“ hast. Erst dann solltest du dich auf den Sport konzentrieren.

Ich dachte damals als Spitzensportler: „Wenn ich dieses Rennen gewinne…. da wirst sich sicher jemand für dich interessieren.“ Ich habe viele Rennen gewonnen und alle Konkurrenten heruntergeputzt, doch dafür hat sich nie wirklich jemand interessiert.
Vor einem Jahr sass ich zum Plausch wieder einmal in meinem Bob. In Innsbruck kann man auf der Bob-Bahn einzelne Fahrten machen, man bezahlt pro Fahrt. Das ist schon ein ungeheures Gefühl, mit 140-150 Stundenkilometern durch die Bahn zu rasen: Rechts und links nur einige Zentimeter Raum. Wenn Du da anschlägst, tut das weh. Da ist nichts gepolstert. Das Motto lautet: Schmerz ist geil! Sonst würdest Du niemals Bob fahren.

Alles in allem, wenn ich zurückblicke, so habe ich doch vieles erlebt und kann heute nach meinem Neustart wieder positiv in die Zukunft blicken.

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