Heute bin ich um halb sechs aufgestanden, denn heute ist ein Arbeitstag. Ich arbeite seit diesem Frühling wieder an zwei Tagen pro Woche, jeweils 2 Stunden am Vormittag. Mehr schaffe ich nicht.

Obwohl ich erst um 9 Uhr mit der Arbeit anfange, bin ich bereits kurz nach sieben im Büro. Ich arbeite in meiner „alten“ Firma. Es ist für mich jedes Mal ein ganz besonderes Erlebnis, arbeiten zu gehen: Meine Bürokollegen und -kolleginnen nehmen sich immer Zeit für einen „Schwatz“, sie verwöhnen mich, bringen Kaffee und Kuchen. So auch heute. Sie haben mich wieder voll in ihren Kreis aufgenommen, obwohl ich nicht mehr der Mensch bin, der ich einmal war. Es gibt ein Leben vor dem Unfall und ein Leben nach dem Unfall.

Vorher war ich eine dynamische Frau, die voll in ihrem Beruf aufging. Ich arbeitete viel und hatte Freude daran. Ich trug viel Verantwortung als Kundenberaterin auf einer Bank und arbeitete total selbständig. Meine Arbeit wurde von meinen Vorgesetzten und Kunden sehr geschätzt. Heute, nach dem Unfall ist alles anders: Ich kann nur noch einfache Arbeiten erledigen und dies maximal während zwei Stunden pro Tag. Ich habe Mühe, mich zu konzentrieren. Wenn ich in eine Stress-Situation gerate, reagiert mein Körper sofort: Ich fange an zu zittern, schwitze und bekomme Schmerzen. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar, dass er mich trotz meiner Behinderung weiterhin beschäftigt. So viel Menschlichkeit findet man selten. So um elf Uhr höre ich mit der Arbeit auf. Mit dem Tram fahre ich aus der Stadt - dort steht mein Auto - und fahre nach Hause. Bis ich wieder Auto fahren konnte, brauchte ich lange. Noch heute erschrecke ich, wenn ich einen Lastwagen neben mir habe. Auch Lärm oder eine Polizeisirene lösen sofort Angstsymptome aus.

An meinen schweren Unfall erinnere ich mich nicht; ich war sofort bewusstlos. Erst viel später, als ich aus dem Koma erwachte, erfuhr ich, wie es genau passiert ist, so zum Beispiel, dass 35 Feuerwehrleute mich aus dem Autowrack bergen mussten. Ich habe keinen Hass oder Wut auf den Fahrer des Lastwagens. Ich denke, auch er hat einen Schock erlitten und hat schwer an diesem Unfall zu tragen. Er hat sich seit dem Unfall vor bald zwei Jahren nie bei mir gemeldet.

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, bin ich völlig erschöpft und ich lege mich dann für ein bis zwei Stunden hin. Heute Nachmittag bin ich Nordic-Walken gegangen. Früher ging ich fast täglich Joggen oder Radfahren, das geht heute nicht mehr. Meine Runde führt mich an schönen Schrebergärten vorbei. Da wurde ich auch schon spontan zu einem Kaffee eingeladen. 

Wir haben viel gelacht und die Natur genossen. Ja, ich bin ein Naturmensch, als Kind auf dem Bauernhof aufgewachsen. Deshalb geniesse ich meinen Spaziergang in vollen Zügen: die frische Luft, das viele Grün, die wunderschöne Landschaft. Hier kann ich Energie tanken. An Tagen, wo ich nicht arbeite, gehe ich in verschiedene Therapien. Auch das ist oft eine grosse Belastung für mich: Physiotherapie, Psychotherapie und andere Therapien. Aber ich mache Fortschritte.
Abends bin ich oft allein und schaue Fernsehen, bis ich ins Bett gehe. Ich habe zwar eine Schwester, Bekannte und Freunde, die mich immer wieder zu sich einladen. Doch auch in dieser Beziehung hat sich vieles verändert: Viele Menschen können nicht verstehen, dass ich nicht mehr „die Alte“ bin, nicht zuletzt darum, weil man mir meine schweren körperlichen Verletzungen nicht ansieht. Dabei trage ich Narben am ganzen Körper. Und in meiner Seele. 

Walking

 

 

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